Westliche „Opferrolle“: NATO und EU entdecken plötzlich den hybriden Krieg – ausgerechnet bei den Russen
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Samstag 29 Aug 2026 · 4 Minuten
Tags: Westliche, Opferrolle, NATO, EU, hybrider, Krieg, Russland, Hybrid, Offensive, Erweiterung, Regime, Change, Export, Sanktionspolitik, moralische, Belehrung
Tags: Westliche, Opferrolle, NATO, EU, hybrider, Krieg, Russland, Hybrid, Offensive, Erweiterung, Regime, Change, Export, Sanktionspolitik, moralische, Belehrung
Seit 1990 läuft die eigentliche Hybrid-Offensive: Erweiterung, Regime-Change-Export, Sanktionskeulen und moralische Dauerbelehrung. Aber wehe, jemand dreht den Spieß um
Plötzlich reden alle in Brüssel, Berlin und Washington von „hybrider Kriegsführung“. Als hätten sie den Begriff gestern erfunden und sofort dem richtigen Schuldigen umgehängt. Russland, natürlich. Immer Russland. Die bösen, undurchsichtigen Russen, die angeblich mit Cyber, Desinformation und Sabotage den armen, unschuldigen Westen terrorisieren. Man könnte fast glauben, die NATO-Staaten hätten die letzten 35 Jahre ausschließlich Blumen gepflanzt und Friedenslieder gesungen.
Dabei reicht ein nüchterner Blick zurück. 1990: Deutschland wird wiedervereinigt, der Warschauer Pakt löst sich auf, die Sowjetunion geht unter. Russland liegt am Boden, wirtschaftlich ruiniert, politisch desorientiert, militärisch geschwächt. Und was macht der Westen? Er verspricht verbal Zurückhaltung und beginnt praktisch sofort mit der systematischen Einkreisung. NATO-Osterweiterung Welle für Welle. Erst die ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, dann die Balten, dann der permanente Druck auf Ukraine, Georgien und Co. „Wir bedrohen niemanden“, heißt es. Gleichzeitig rücken die Basen, die Raketenabwehrsysteme und die Manöver immer näher an die russische Grenze. Das ist keine Sicherheitspolitik. Das ist die klassische hybride Methode: Fakten schaffen, während man laut beteuert, man wolle nur die Demokratie schützen.
Dann die „Farbrevolutionen“. Georgia, Ukraine, Kirgisistan – überall dieselben NGOs, dieselben Stiftungen, dieselbe mediale Begleitmusik, dieselbe plötzliche Begeisterung westlicher Hauptstädte für „das Volk“. Wenn es klappt, nennt man es demokratischen Aufbruch. Wenn es scheitert oder die falsche Seite gewinnt, spricht man von russischer Einflussnahme. Die Doppelmoral ist so dick, dass man sie mit dem Messer schneiden könnte. Gleichzeitig werden in Russland selbst systematisch oppositionelle Strukturen gefördert, Medien finanziert und „Zivilgesellschaft“ aufgebaut – alles natürlich rein altruistisch und ohne jedes geopolitische Interesse. Wer das hinterfragt, ist Putin-Versteher. Wer es beobachtet, hat angeblich die russische Propaganda übernommen. Die Ironie ist fast schon peinlich.
Wirtschaftlich lief es nicht anders. Jahrzehntelang hat man Russland als Rohstofflieferanten benutzt, die Abhängigkeit genossen und gleichzeitig moralisch belehrt. Sobald Moskau eigene Interessen durchsetzte, kamen die Sanktionen. Nicht als Antwort auf konkrete Handlungen, sondern als Dauerinstrument. Ausschluss aus Institutionen, Einfrieren von Vermögen, Abschneiden von Finanzsystemen – alles unter dem Deckmantel der „regelbasierten Ordnung“. Die Ordnung, die man selbst dann ändert, wenn es gerade passt. Hybride Kriegsführung in Reinkultur: wirtschaftliche Strangulierung, gekoppelt mit moralischer Überlegenheit und medialer Dauerbeschallung.
Und die Informationsfront? Seit Jahren läuft eine beispiellose Kampagne, in der Russland als ewiger Aggressor, als bedrohliche Macht und als moralischer Abschaum dargestellt wird. Jede russische Maßnahme wird maximal skandalisiert, jede westliche Aktion als unvermeidliche Reaktion verkauft. Die eigene Geschichte der Einmischung, der gebrochenen Zusagen und der gezielten Destabilisierung in Russlands Nachbarschaft verschwindet hinter einem Nebel aus Empörung. Wer darauf hinweist, dass die NATO nicht aus lauter Angst vor russischen Panzern, sondern aus Machtkalkül expandiert hat, wird sofort in die Verschwörungsecke gestellt.
Jetzt, da Russland selbst zu hybriden und konventionellen Mitteln greift, entdeckt der Westen plötzlich die Gefahr. Als hätte man die letzten drei Jahrzehnte nicht selbst exakt dieses Spiel gespielt – nur mit besserer PR und dem Vorteil der moralischen Deutungshoheit. Die Empörung ist so selektiv, dass sie fast schon komisch wirkt. Man hat den hybriden Krieg gegen Russland seit 1990 geführt: mit Erweiterung, Einflussnahme, wirtschaftlichem Druck und Informationsdominanz. Und jetzt, wo der Gegner nicht mehr nur zuschaut, schreit man „Hybridkrieg!“ und zeigt mit dem Finger.
Das ist keine Verteidigung russischer Politik. Das ist die schlichte Beobachtung, dass der Westen seit der Wiedervereinigung systematisch und konsequent die Mittel eingesetzt hat, die er heute so empört beim anderen anprangert. Die Opferrolle sitzt ihm dabei so elegant wie einem Elefanten ein Tutu.
