Wenn die Stille zur Gewalt wird – Gedanken zu einer jugendlichen Katastrophe
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Dienstag 10 Jun 2025 · 3:00
Tags: Stille, Gewalt, Jugendliche, Katastrophe, Graz, Österreich, Trauer, Europa, Schüler, Lehrer, Verletzte, Täter, Gesellschaft, Psychologie, Prävention
Tags: Stille, Gewalt, Jugendliche, Katastrophe, Graz, Österreich, Trauer, Europa, Schüler, Lehrer, Verletzte, Täter, Gesellschaft, Psychologie, Prävention
Graz, Österreich. Eine Stadt trauert, ein Land ringt um Worte – und mit ihm viele Menschen in Europa. Acht tote Schüler, ein toter Lehrer, zwölf schwerverletzte Kinder und ein Täter, der sich selbst gerichtet hat. Ein 21-jähriger junger Mann, ehemaliger Mitschüler, dessen Name nun durch die Medien geistern wird, wenn auch vielleicht nur kurz. Denn wie immer bei solchen Taten folgt nach dem Schock die Sprachlosigkeit, das politische Ritual, die Suche nach einem „Warum“. Und die unangenehme Wahrheit, dass wir es vielleicht schon längst wissen – aber es nicht hören wollen.
Es ist leicht, in solchen Momenten den Fokus auf das Verbrechen zu richten. Auf die Tat, die Waffe, den Tatort. Doch das ist nur die Spitze eines Eisbergs, der im Verborgenen gewachsen ist. Was bringt einen 21-Jährigen dazu, gezielt Kinder zu töten, sich dann selbst das Leben zu nehmen? Welche innere Leere, welcher Schmerz, welche Wut müssen einem Menschen innewohnen, damit er sich auf diese Weise „sichtbar“ macht?
Der Täter war nicht aus dem Nichts gekommen. Er war da. In der Gesellschaft. Im System. Vielleicht still, vielleicht isoliert, vielleicht lange unbemerkt. Ein Mensch, wie viele andere – und doch war er offenbar niemandem nah genug, um gehalten zu werden. Wir reden von psychischen Erkrankungen, von Ausgrenzung, von Radikalisierung – und meinen damit oft: Wir wissen es nicht genau, aber es muss ja einen Grund geben.
Vielleicht sollten wir uns fragen: Was passiert mit einem jungen Menschen, der in einer Gesellschaft aufwächst, die Leistung predigt, aber Nähe nicht einübt? Die Effizienz fordert, aber keine Zeit mehr hat für echte Gespräche, echte Anteilnahme, echte Verbindung? Wer war da, als dieser junge Mann das erste Mal durch das Raster fiel? Als er sich überflüssig fühlte? Als aus stiller Trauer wütender Groll wurde?
Immer wieder ähneln sich die Geschichten: junge Männer, zwischen Isolation und Fantasie, zwischen innerer Leere und dem Wunsch, gesehen zu werden – notfalls um jeden Preis. In einer Welt, in der Likes mehr zählen als echte Begegnung, in der sich viele junge Menschen wie Statisten ihres eigenen Lebens fühlen, weil niemand ihnen zeigt, dass sie Hauptrolle sein dürfen.
Das ist kein Plädoyer für Mitleid mit einem Mörder. Es ist ein Plädoyer für Verantwortung. Denn wenn wir diese Geschichten immer wieder erzählen müssen, ohne daraus zu lernen, dann tragen wir Mitschuld – als Gesellschaft, als Medien, als Bildungsinstitutionen, als Nachbarn.
Vielleicht beginnt Prävention nicht bei der Polizei, sondern bei der nächsten Schulbank. Vielleicht beginnt sie, wenn wir Jugendlichen nicht nur beibringen, wie man Formeln löst, sondern wie man mit Wut umgeht, mit Angst, mit dem Gefühl, verloren zu sein. Vielleicht beginnt sie, wenn wir endlich aufhören, psychische Erkrankungen zu stigmatisieren. Wenn wir aufhören, junge Männer zu verlachen, die Hilfe suchen, weil sie „zu sensibel“ sind. Wenn wir aufhören, seelisches Leid als Schwäche zu behandeln – und anfangen, es als Warnsignal ernst zu nehmen.
Was in Graz geschehen ist, ist eine Tragödie. Eine, die viele Fragen stellt. Die schwerste davon lautet: Wie viele dieser Taten brauchen wir noch, bis wir wirklich zuhören?
Unser tiefes Beileid an die Hinterbliebenen!
- Die Redaktion -
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