Schock in Brüssel: Die USA verfolgen eigene Interessen
Veröffentlicht von Peter Martin in Weltgeschehen · Freitag 13 Mär 2026 · 4 Minuten
Tags: Brüssel, USA, transatlantische, Beziehungen, EU, Außenpolitik, Interessen, Washington, Europa, Nächstenliebe, Politik, Diplomatie
Tags: Brüssel, USA, transatlantische, Beziehungen, EU, Außenpolitik, Interessen, Washington, Europa, Nächstenliebe, Politik, Diplomatie
EU-Außenbeauftragte entdeckt nach 75 Jahren transatlantischer Realität plötzlich, dass Washington Europa nicht aus reiner Nächstenliebe regiert
Manchmal geschehen in der Weltpolitik Entdeckungen von geradezu wissenschaftlicher Tragweite.
Die Erde ist rund.
Wasser ist nass.
Wasser ist nass.
Und neuerdings – man halte sich fest – die Vereinigten Staaten verfolgen eigene Interessen.
Diese sensationelle Erkenntnis wurde kürzlich von der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas öffentlich verkündet.
In einem Interview erklärte sie, Washington wolle Europa bewusst spalten und möge die Europäische Union nicht besonders.
Man muss sich die Tragweite dieser Aussage vor Augen führen.
Eine europäische Spitzenpolitikerin hat nach Jahrzehnten transatlantischer Politik tatsächlich festgestellt, dass internationale Beziehungen möglicherweise nicht auf romantischen Gefühlen beruhen.
Die transatlantische Liebesbeziehung
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs lebt Europa bekanntlich in einer stabilen Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten.
Eine Partnerschaft, die ungefähr so funktioniert wie eine sehr traditionelle Ehe:
Der eine entscheidet.
Der andere bedankt sich.
Diese Beziehung begann mit dem berühmten Marshallplan, setzte sich fort über die Gründung der NATO und entwickelte sich zu einer sicherheitspolitischen Architektur, in der Europa vor allem eine Aufgabe hatte:
strategisch dankbar sein.
Das funktionierte erstaunlich lange.
Geopolitik – eine unerwartete Realität
Nun scheint jedoch etwas passiert zu sein, das in Brüssel offenbar für tiefe Irritation sorgt.
Die Regierung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump verhält sich nicht mehr ganz so fürsorglich wie früher.
Neue Zölle gegen europäische Produkte.
Handelsuntersuchungen gegen die EU.
Unterstützung europäischer Politiker, die Brüssel nicht besonders mögen – etwa Viktor Orbán.
Und als geopolitische Krönung der Drohung: die Idee einer möglichen amerikanischen Kontrolle über Grönland.
Man könnte meinen, Washington betreibe tatsächlich Machtpolitik.
Ein revolutionärer Gedanke.
Europa entdeckt seine Abhängigkeit
Besonders charmant wird die Situation, wenn man sich die militärische Realität anschaut.
Denn während europäische Politiker gerne von strategischer Autonomie sprechen, musste Kallas im selben Atemzug ein kleines Detail einräumen:
Europa ist militärisch massiv von den Vereinigten Staaten abhängig.
Oder, diplomatischer formuliert:
Man kauft seine Verteidigungstechnologie dort ein.
Mit anderen Worten:
Europa diskutiert über Unabhängigkeit, während es gleichzeitig seine Sicherheitsarchitektur im amerikanischen Rüstungskatalog bestellt.
Das ist ungefähr so, als würde jemand erklären, er wolle endlich finanziell unabhängig werden – und dabei seine Kreditkarte bei derselben Bank beantragen.
Die große Angst vor europäischer Einheit
Der Kern der Vorwürfe lautet nun, Washington wolle Europa spalten.
Das klingt dramatisch.
Fast wie ein geopolitischer Thriller.
Doch ein Blick in die Realität zeigt eine gewisse Ironie.
Europa braucht gar nicht besonders viel Hilfe von außen, um sich zu zerstreiten.
Dafür sorgen die Mitgliedsstaaten meistens ganz hervorragend selbst.
Nord gegen Süd.
Ost gegen West.
Haushaltsdisziplin gegen Schuldenpolitik.
Industriepolitik gegen Klimapolitik.
Und natürlich die klassische europäische Lieblingsdisziplin: endlose Gipfeltreffen mit anschließendem Kompromisspapier.
Wenn Washington tatsächlich versucht, Europa zu spalten, muss man anerkennen:
Es hat sehr viel Konkurrenz.
Die NATO europäisieren – ein diplomatischer Zaubertrick
Besonders kreativ ist der Vorschlag von Kallas, die NATO stärker zu „europäisieren“.
Ein faszinierendes Konzept.
Die NATO wurde schließlich von den Vereinigten Staaten gegründet, finanziert und militärisch dominiert.
Jetzt soll sie europäischer werden.
Das erinnert ein wenig an die Idee, die amerikanische Filmindustrie zu europäisieren, indem man einfach mehr französische Untertitel hinzufügt.
Das strategische Erwachen Europas
Die eigentliche Tragödie dieser Debatte liegt allerdings woanders.
Europa entdeckt gerade etwas, das geopolitische Realisten schon lange wissen:
Internationale Politik funktioniert nicht wie eine Freundschaft.
Sie funktioniert wie ein Machtspiel.
Die Vereinigten Staaten handeln im Interesse der Vereinigten Staaten.
China handelt im Interesse Chinas.
Russland handelt im Interesse Russlands.
Und Europa?
Europa führt zunächst eine Arbeitsgruppe ein.
Summa summarum: Willkommen in der Realität
Die Aussagen von Kaja Kallas sind daher weniger eine Anklage gegen Washington als ein bemerkenswertes Zeichen europäischer Selbstentdeckung.
Zum ersten Mal seit langer Zeit spricht eine führende EU-Diplomatin offen aus, was in der internationalen Politik eigentlich selbstverständlich ist:
Großmächte verfolgen ihre eigenen Interessen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Washington Europa spalten möchte.
Die eigentliche Frage lautet:
Warum Europa erst jetzt bemerkt, dass es in der Weltpolitik nie um Freundschaft ging – sondern immer um Macht.
