Die „internationale Gemeinschaft“ – ein exklusiver Club mit westlicher Einlasskontrolle
Veröffentlicht von Peter Martin in Weltgeschehen · Freitag 07 Aug 2026 · 10 Minuten
Tags: internationale, Gemeinschaft, exklusiver, Club, westliche, Einlasskontrolle, Brüssel, Washington, Berlin, Sanktionen, globale, Politik, Menschenrechte, internationale, Beziehungen, Machtverhältnisse
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Wenn Brüssel, Washington und Berlin Sanktionen beschließen, ist das offenbar gleich die ganze Welt. Dumm nur, dass draußen noch ein paar Milliarden Menschen leben, die niemand gefragt hat
Es gibt Begriffe, die sind politisch ungefähr so dehnbar wie Kaugummi. Einer davon lautet: „internationale Gemeinschaft“.
Man hört ihn in Brüssel. Man hört ihn in Berlin. Man hört ihn in Washington. Und inzwischen hat er sich derart fest in den politischen Sprachschatz eingebrannt, dass man fast den Eindruck bekommen könnte, irgendwo hinter dem Atlantik befinde sich ein besonders großes Einwohnermeldeamt, bei dem die gesamte Menschheit registriert ist.
Und dort sitzt offenbar jemand mit einem Stempel.
„Internationale Gemeinschaft – einverstanden.“
Stempel drauf.
Fertig.
Nur gibt es da ein kleines Problem: Diese ominöse internationale Gemeinschaft hat leider vergessen, sich bei der westlichen Politikzentrale zur Abstimmung einzufinden.
Denn wenn die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada, Japan, Australien und einige weitere Staaten Sanktionen gegen Russland beschließen, wird daraus in der politischen Rhetorik plötzlich eine Entscheidung der „internationalen Gemeinschaft“.
Das klingt natürlich wesentlich imposanter.
„Die EU und ihre Verbündeten haben Sanktionen beschlossen“ klingt nach einer Gruppe von Staaten.
„Die internationale Gemeinschaft hat Sanktionen beschlossen“ klingt dagegen so, als hätten sich gerade 8,2 Milliarden Menschen auf einem Weltkongress versammelt, einstimmig die Hand gehoben und Russland anschließend gemeinsam den wirtschaftlichen Stecker gezogen.
Leider war die Weltkonferenz nicht ganz so gut besucht.
Die Welt ist größer als Brüssel
Die politische Realität ist nämlich etwas unangenehmer.
Die Erde besteht nicht aus der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und ein paar dekorativ danebenstehenden Verbündeten.
Es gibt China.
Es gibt Indien.
Es gibt Brasilien.
Es gibt Südafrika.
Es gibt Indonesien.
Es gibt Saudi-Arabien.
Es gibt die Vereinigten Arabischen Emirate.
Es gibt Iran.
Es gibt Ägypten.
Es gibt Äthiopien.
Und es gibt zahlreiche weitere Staaten des Globalen Südens, die sich den westlichen Russland-Sanktionen nicht angeschlossen haben.
Allein die heutige BRICS-Gruppe umfasst elf Vollmitglieder.
Das ist keine politische Randerscheinung.
Das sind Staaten mit Milliarden Einwohnern, enormen Rohstoffvorkommen, gewaltigen Volkswirtschaften, wachsenden
Handelsbeziehungen und erheblichen geopolitischen Interessen.
Aber in der westlichen politischen Sprachwelt scheint das gelegentlich unter die Rubrik „internationales Kleingedrucktes“ zu fallen.
Man könnte es auch anders formulieren:
Wenn der Westen „internationale Gemeinschaft“ sagt, meint er häufig diejenigen Staaten, die seiner außenpolitischen Position zugestimmt haben.
Was für eine praktische Definition.
Die Zustimmung wird zur Voraussetzung dafür, überhaupt zur Gemeinschaft gezählt zu werden.
Der kleine rhetorische Taschenspielertrick
Das funktioniert ungefähr so:
Die USA verhängen Sanktionen.
Die EU verhängt Sanktionen.
Großbritannien verhängt Sanktionen.
Kanada verhängt Sanktionen.
Japan verhängt Sanktionen.
Australien verhängt Sanktionen.
Einige weitere Staaten schließen sich an.
Und anschließend sagt man:
„Die internationale Gemeinschaft hat Russland sanktioniert.“
Das ist politisches Framing in Reinform.
Denn zwischen
„eine große Gruppe westlicher Staaten und ihrer Partner hat Sanktionen verhängt“
und
„die internationale Gemeinschaft hat Sanktionen verhängt“
liegt ein gewaltiger Unterschied.
Der erste Satz beschreibt eine politische Realität.
Der zweite erzeugt eine politische Kulisse.
Und Kulissen haben in der Politik einen entscheidenden Vorteil:
Man muss nicht überprüfen, ob dahinter tatsächlich ein vollständiges Gebäude steht.
Die diplomatische Mathematik
Besonders interessant wird die Angelegenheit, wenn man nicht nur Staaten zählt, sondern Menschen.
Denn dann wird die Erzählung von der angeblich geschlossenen internationalen Gemeinschaft noch schwieriger.
China und Indien allein repräsentieren zusammen mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung.
Beide Staaten haben sich den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen.
China unterhält weiterhin umfangreiche wirtschaftliche Beziehungen zu Russland.
Indien kauft weiterhin russisches Öl.
Andere Staaten handeln ebenfalls mit Russland.
Und plötzlich stellt sich eine ganz einfache Frage:
Wie international ist eine Sanktion eigentlich, wenn ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Staaten lebt, die sie nicht mittragen?
Das ist keine Sympathiefrage.
Das ist eine Definitionsfrage.
Man muss Russland nicht mögen.
Man muss den russischen Angriff auf die Ukraine nicht gutheißen.
Man kann ihn politisch, moralisch und völkerrechtlich verurteilen.
Alles völlig legitim.
Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jeder Staat der Welt verpflichtet wäre, dieselben wirtschaftlichen Maßnahmen zu ergreifen wie Berlin, Brüssel oder Washington.
Willkommen im Club der moralisch Auserwählten
Und genau hier wird es interessant.
Denn die westliche Politik spricht nicht nur von Sanktionen.
Sie spricht gern von der „regelbasierten internationalen Ordnung“.
Ein wunderschöner Begriff.
Fast so schön wie „internationale Gemeinschaft“.
Er hat nur einen kleinen Schönheitsfehler:
Wer bestimmt eigentlich die Regeln?
Und wer bestimmt, welche Staaten die Regeln durchsetzen müssen?
Noch interessanter:
Was passiert, wenn ein großer Teil der Welt diese Regeln anders interpretiert?
Dann wird es kompliziert.
Denn dann müsste man miteinander reden.
Und genau das ist offenbar die unangenehmste Tätigkeit in der internationalen Politik.
Reden.
Verhandeln.
Kompromisse suchen.
Interessen anerkennen.
Unterschiedliche Sicherheitsvorstellungen berücksichtigen.
Und möglicherweise sogar akzeptieren, dass die eigene Sichtweise nicht automatisch die universelle Wahrheit darstellt.
Das ist natürlich wesentlich mühsamer als eine Pressekonferenz.
Die Welt ist multipolar – ob es gefällt oder nicht
Was sich derzeit abzeichnet, ist eine zunehmende Multipolarisierung der internationalen Ordnung.
Der Westen ist weiterhin wirtschaftlich, technologisch und militärisch enorm mächtig.
Das steht außer Frage.
Aber er ist nicht mehr der einzige Machtblock.
Und er kann seine Vorstellungen nicht mehr ohne Weiteres als globale Selbstverständlichkeit verkaufen.
BRICS ist dafür ein sichtbares Beispiel.
Die Gruppe ist keineswegs homogen.
Im Gegenteil.
Indien und China haben erhebliche eigene Interessen.
Saudi-Arabien und Iran sind keineswegs plötzlich politische Seelenverwandte.
Brasilien verfolgt seine eigenen Vorstellungen.
Südafrika ebenso.
Indonesien ebenso.
Das macht BRICS nicht zu einem geschlossenen Gegenblock zum Westen.
Aber genau das ist der Punkt:
Diese Staaten müssen nicht geschlossen gegen den Westen sein, um sich westlichen Sanktionen nicht anzuschließen.
Es genügt, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgen.
Und genau das ist in einer multipolaren Welt vollkommen normal.
Die Sanktionen und der große Selbstbetrug
Die westliche Sanktionspolitik hat einen weiteren bemerkenswerten Effekt.
Je mehr Staaten sich ihr nicht anschließen, desto mehr versucht der Westen, diese Staaten zum Mitmachen zu bewegen.
Und wenn freundliches Bitten nicht reicht, wird wirtschaftlicher Druck aufgebaut.
Zölle.
Sekundärsanktionen.
Handelsbeschränkungen.
Drohungen.
Politischer Druck.
Das ist bemerkenswert.
Denn wenn die internationale Gemeinschaft tatsächlich geschlossen hinter den Sanktionen stünde, müsste man eigentlich niemanden mehr überzeugen.
Man müsste niemanden bedrohen.
Man müsste niemanden wirtschaftlich unter Druck setzen.
Man müsste niemandem erklären, warum er seine Handelsbeziehungen mit Russland aufgeben soll.
Man müsste nur auf die angeblich geschlossene Weltgemeinschaft verweisen.
Offenbar funktioniert die Weltgemeinschaft aber nicht ganz so geschlossen, wie es die Pressemitteilung suggeriert.
Russland ist nicht vom Planeten verschwunden
Noch viel bemerkenswerter ist, dass Russland trotz der westlichen Sanktionen nicht vom internationalen Handel verschwunden ist.
Russland handelt weiter.
Russland verkauft Rohstoffe.
Russland kauft Waren.
Russland sucht neue Handelswege.
Russland orientiert sich stärker nach Asien.
Und andere Staaten nutzen diese Situation für ihre eigenen Interessen.
Das ist keine moralische Bewertung.
Es ist eine wirtschaftliche Realität.
Wenn Europa russische Energie nicht mehr kaufen möchte, bedeutet das nicht automatisch, dass niemand auf der Welt russische Energie kaufen möchte.
Das Öl verschwindet nicht plötzlich in einem schwarzen Loch.
Es sucht sich einen anderen Käufer.
Und wenn ein europäischer Staat sagt:
„Wir kaufen das nicht mehr!“
kann der Verkäufer theoretisch antworten:
„Dann kauft es eben jemand anderes.“
Das ist keine besonders komplizierte Volkswirtschaftslehre.
Es ist Angebot und Nachfrage.
Die Sanktionen haben deshalb ein grundsätzliches Problem
Sanktionen funktionieren am besten, wenn sie möglichst breit getragen werden.
Je größer der Kreis der teilnehmenden Staaten, desto schwieriger wird es für das sanktionierte Land, alternative Märkte, Lieferanten und Finanzierungswege zu finden.
Aber wenn große Volkswirtschaften außerhalb des Sanktionsregimes bleiben, entstehen Umgehungs- und Ausweichmöglichkeiten.
Das bedeutet nicht, dass Sanktionen wirkungslos sind.
Das wäre genauso falsch.
Sie können wirtschaftlichen Druck erzeugen.
Sie können bestimmte Technologien und Finanzströme erschweren.
Sie können Unternehmen und Staaten vor erhebliche Probleme stellen.
Aber zwischen
„Sanktionen verursachen wirtschaftlichen Schaden“
und
„die ganze Welt trägt die Sanktionen“
liegen eben mehrere Kontinente.
Die wunderbare westliche Selbstüberschätzung
Vielleicht liegt hier das eigentliche Problem.
Der Westen verwechselt zunehmend seine politische Geschlossenheit mit der globalen Zustimmung.
Weil Washington, Brüssel, London, Ottawa, Tokio und Canberra weitgehend an einem Strang ziehen, entsteht der Eindruck einer globalen Front.
Doch eine gemeinsame Position von 30 oder 40 Staaten ist noch lange keine einstimmige Weltmeinung.
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen:
„Wir sind uns untereinander einig.“
und
„Die Welt ist sich mit uns einig.“
Das erste kann stimmen.
Das zweite muss bewiesen werden.
Und dann gibt es noch die Moral
Besonders problematisch wird die Angelegenheit, wenn aus der eigenen Sanktionsentscheidung eine moralische Rangordnung der Staaten gemacht wird.
Wer sanktioniert, gilt als verantwortungsvoll.
Wer nicht sanktioniert, gilt plötzlich als opportunistisch.
Wer mit Russland handelt, wird verdächtigt, die westliche Ordnung zu unterlaufen.
Wer russisches Öl kauft, bekommt Lektionen in Moral.
Man könnte fast meinen, Außenpolitik sei mittlerweile ein Schulhof, auf dem der Klassensprecher entscheidet, wer heute mitspielen darf.
Nur hat die internationale Politik einen kleinen Unterschied:
Die anderen Kinder sind bewaffnete Staaten mit eigenen Volkswirtschaften, eigenen Armeen und eigenen Interessen.
Die kann man nicht einfach aus dem Klassenraum schicken.
Der Westen sollte deshalb aufhören, für die ganze Welt zu sprechen
Es wäre ehrlicher, von einer westlichen Sanktionskoalition zu sprechen.
Oder von einer Koalition westlicher und verbündeter Staaten.
Das wäre präzise.
Das wäre sachlich.
Das wäre überprüfbar.
Und vor allem wäre es ehrlich.
Aber „die internationale Gemeinschaft“ klingt natürlich besser.
Es klingt größer.
Es klingt moralischer.
Es klingt so, als hätte die Menschheit höchstpersönlich eine Resolution unterschrieben.
Nur hat sie das eben nicht.
Der Elefant im diplomatischen Porzellanladen
Und hier kommt der Elefant ins Zimmer:
Die Weltordnung verändert sich.
Nicht weil Russland plötzlich zum unschuldigen Opfer westlicher Politik geworden wäre.
Nicht weil China plötzlich ein westlicher Verbündeter wäre.
Nicht weil BRICS eine harmonische Weltregierung darstellt.
Sondern weil immer mehr Staaten darauf bestehen, ihre eigenen außenpolitischen und wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen.
Das ist die eigentliche Herausforderung für den Westen.
Nicht Russland allein.
Nicht China allein.
Nicht BRICS allein.
Sondern eine Welt, in der andere Staaten zunehmend sagen:
„Danke für Ihre Meinung. Wir entscheiden selbst.“
Für eine politische Ordnung, die jahrzehntelang daran gewöhnt war, ihre Vorstellungen als nahezu universell zu betrachten, ist das eine ziemlich unangenehme Nachricht.
Die Weltgemeinschaft braucht keine westliche Pressestelle
Vielleicht sollten wir deshalb sprachlich wieder etwas nüchterner werden.
Wenn 30 oder 40 Staaten Sanktionen verhängen, dann haben 30 oder 40 Staaten Sanktionen verhängt.
Wenn andere Staaten nicht mitmachen, haben sie nicht mitgemacht.
Punkt.
Das ist internationale Politik.
Man muss daraus keine moralische Oper machen.
Und schon gar keine Weltregierung erfinden, die es nicht gibt.
Denn die sogenannte „internationale Gemeinschaft“ ist kein Verein mit Vorstand in Brüssel.
Sie hat keinen Generalsekretär mit europäischem Parteibuch.
Und vor allem:
Sie gehört niemandem.
Nicht Washington.
Nicht Brüssel.
Nicht Berlin.
Und auch nicht Moskau oder Peking.
Das Ende der sprachlichen Weltbeherrschung
Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, eine der letzten Illusionen westlicher Außenpolitik zu beerdigen:
Die Welt wartet nicht mehr darauf, dass der Westen ihr erklärt, was die Weltgemeinschaft beschlossen hat.
Die Welt ist längst dabei, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
Indien kauft dort Öl, wo es wirtschaftlich sinnvoll erscheint.
China handelt dort, wo es strategische Vorteile sieht.
Brasilien verfolgt seine eigenen Interessen.
Saudi-Arabien ebenso.
Die Vereinigten Arabischen Emirate ebenso.
Südafrika ebenso.
Und die zahlreichen Staaten des Globalen Südens haben längst verstanden, dass sie zwischen den Machtblöcken ihre eigenen Spielräume nutzen können.
Das ist keine Verschwörung.
Das ist Geopolitik.
Die bittere Pointe
Und damit kommen wir zur eigentlichen Pointe:
Je häufiger der Westen von der „internationalen Gemeinschaft“ spricht, desto deutlicher wird manchmal, wie sehr ihm die tatsächliche internationale Gemeinschaft aus dem Blick geraten ist.
Denn eine Weltgemeinschaft, die nur dann existiert, wenn sie dieselbe Meinung vertritt wie man selbst, ist keine Weltgemeinschaft.
Sie ist ein politischer Echo-Raum.
Und ein Echo hat eine unangenehme Eigenschaft:
Es wiederholt immer nur das, was man selbst hineinruft.
Vielleicht sollte man deshalb in Berlin, Brüssel und Washington gelegentlich einfach einmal aufhören zu rufen.
Und zuhören.
Denn draußen wartet eine Welt, die nicht mehr bereit ist, sich ihre außenpolitische Meinung vorschreiben zu lassen.
Die Welt ist größer als der Westen.
Und das ist keine russische Propaganda.
Das ist Geografie.
Das ist Demografie.
Das ist Wirtschaft.
Das ist internationale Politik.
Und vor allem ist es eine Tatsache, die man auch mit noch so vielen Pressemitteilungen über die „internationale Gemeinschaft“ nicht wegdefinieren kann.
