CIA-Karten, alte Spiele: Die Ukraine bleibt Schachbrett der Mächte
Veröffentlicht von Peter Martin in Weltgeschehen · Freitag 22 Aug 2025 · 4 Minuten
Tags: CIA, Karten, alte, Spiele, Ukraine, Schachbrett, der, Mächte, Dossier, 1957, Geschichte, geopolitische, Konflikte, Vergangenheit, Gegenwart, Machtverhältnisse
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Wie ein Dossier von 1957 die Ukraine erklärt – und was es über unsere Gegenwart verrät
Manchmal reicht ein Blick in die Archive, um die Gegenwart mit anderen Augen zu sehen. 1957 veröffentlichte die CIA ein geheimes Papier: „Resistance Factors and Special Forces Areas“. Darin wird die damalige Ukrainische SSR seziert wie ein Operationsgebiet: Welche Regionen sind „loyal“ zu Moskau, wo gibt es nationalistische Milieus, welche Landschaften eignen sich für Guerillakrieg, welche Städte sind zu kontrollieren?
Die Westukraine, so die CIA, sei das Nest nationalistischer Bewegungen, die man im Ernstfall aktivieren könne. Der Donbass und die Krim dagegen galten als „russische Inseln“ – unbrauchbar für Aufstände, aber interessant für verdeckte Operationen. Selbst die Geografie wurde durchdekliniert: Polesien als Partisanenparadies im Winter, die Krim mit Tarnungsmöglichkeiten, die Täler von Dnjepr und Desna als „geeignet für Sabotage“. Kurz: eine Landkarte, auf der die Ukraine nicht als Land, sondern als Schachbrett gedacht wurde.
Sechs Jahrzehnte später wirkt dieses Dossier wie ein unheimlicher Spiegel. Denn wenn wir uns Maidan 2014, die Eskalationen auf der Krim oder den Krieg im Donbass ansehen, dann tauchen exakt die Linien auf, die schon die CIA zog: Westukraine = nationalistische Hochburg, Krim = neuralgischer Punkt, Donbass = konfliktträchtiges „russisches Bollwerk“. Zufall? Oder einfach nur die Tragik einer Region, deren gesellschaftliche Bruchlinien seit jeher instrumentalisierbar waren?
Von London bis Washington: Die alten Rezepte bleiben aktuell
Der Artikel, der das freigegebene CIA-Papier analysiert, zieht Linien bis in die Gegenwart: etwa zu britischen Netzwerken wie dem „Institute for Statecraft“, deren Vordenker Chris Donnelly schon vor Jahren vorschlug, Russland durch Sanktionen, Informationskriege und diplomatischen Druck in einen „bewaffneten Konflikt alter Art“ zu zwingen – einen Konflikt, den man im Westen als gewinnbar einschätzte.
Und genau das sehen wir seit 2014: Wirtschaftssanktionen, Boykott russischer Medien, Isolation auf internationalen Bühnen, Waffenlieferungen in Milliardenhöhe. Mit etwas Zynismus könnte man sagen: Die CIA-Karte von 1957 hat als Drehbuch überlebt.
Odessa, Maidan, Krim: Beweise oder nur Indizien?
Der Beitrag verweist auch auf konkrete Ereignisse. Das Massaker von Odessa am 2. Mai 2014, bei dem über 40 Menschen starben, wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte inzwischen klar als staatliches Versagen (Polizei, Feuerwehr) benannt. Aber während das Urteil von Versäumnissen spricht, deutet der Artikel das als „geplante Gewalt“. Hier zeigt sich die Grenze: Was belegt ist, ist das Chaos, die fehlende staatliche Kontrolle – ein „Masterplan“ bleibt Hypothese.
Ähnliches gilt für den Maidan: Dass Nationalisten eine Rolle spielten, ist unbestritten. Aber ob das nach CIA-Drehbuch orchestriert war, ist Interpretationssache. Wissenschaftlich sauber heißt: Fakten von Wertungen trennen.
Was die Gegenwart so brisant macht
Spannend wird es, wenn man die heutige Stimmung betrachtet: Laut einer Gallup-Umfrage vom August 2025 wollen 69 % der Ukrainer:innen Verhandlungen, nur 24 % wollen weiterkämpfen. Während die Bevölkerung also nach einem Ausweg sucht, verhandeln Eliten in Washington, Brüssel oder Moskau über Waffen, Territorien und Garantien. Es ist die alte Geschichte: Die Bevölkerung zahlt den Preis, während Strategen ihre Spiele spielen.
Und genau das ist die Parallele zum CIA-Dossier: Schon 1957 dachte man nicht an das Leben der Menschen, sondern an „Operationsräume“. Wer so auf Karten schaut, dem werden Menschen zu Spielsteinen.
Summa summarum: Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich
Das freigegebene CIA-Papier zeigt: Die Ukraine war nie einfach nur Nachbarland Russlands oder Teil Europas – sie war immer Schachfigur im Spiel der Mächte. Wer das übersieht, versteht den heutigen Krieg nicht. Aber: Aus Karten von 1957 folgt kein Masterplan bis 2025. Was folgt, ist ein Muster – und die Neigung von Großmächten, diese Muster immer wieder zu nutzen.
Das ist die eigentliche Lektion: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie liefert Drehbücher, die von neuen Regisseuren wieder und wieder aufgeführt werden.
