Badewannenpolitik, Sprengstoff und transatlantische Rohrbrüche
Veröffentlicht von Peter Martin in Weltgeschehen · Sonntag 07 Sep 2025 · 5 Minuten
Tags: Badewannenpolitik, Sprengstoff, transatlantische, Rohrbrüche, Politik, internationale, Beziehungen, Sicherheit, Diplomatie, Konflikte, Europa, USA
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Manchmal wirkt deutsche Politik wie ein Kabarett, das nicht mehr weiß, ob es Satire oder Regierungshandeln sein will
Unser ehemaliger „Bundesaußenkasper“ – pardon, jetzt Bundeskanzler a.D. Olaf Scholz – steht damals neben dem US-Präsidenten Joe Biden, hört sich einen Satz an, der in die Geschichtsbücher eingehen müsste, und reagiert mit der stoischen Miene eines Beamten, dem gerade die Kaffeemaschine kaputtgegangen ist. Biden sagte am 7. Februar 2022, fast ein Dreivierteljahr vor der Explosion von Nord Stream 2: „Wenn Russland einmarschiert, dann wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dafür sorgen.“ Punkt. Keine Randbemerkung, kein Witz. Eine offene Drohung. Scholz schwieg. In Berlin nannte man das später „strategische Geduld“. Man könnte es auch als „Badewannenpolitik“ bezeichnen: Deckel drauf, Wasser läuft über, irgendwann zieht einer den Stöpsel – und Deutschland steht mit nassen Füßen da.
Merz, der sich selbst gern als staatsmännische Alternative als "Bundeskriegskanzler" sieht, scheint für die historische Mission angetreten zu sein, den deutschen Deckel gleich ganz abzumontieren. Wenn man in dieser Politik noch nach Führung sucht, wird man tatsächlich krank. Konfuzius wusste: „Es ist schwierig, in einem dunklen Raum eine Katze zu finden – besonders, wenn sie nicht da ist.“ In Berlin sucht man die Katze seit Jahren. Man findet nur die Quittung: steigende Energiepreise, geopolitische Abhängigkeiten, moralische Scharaden.
USS Kearsarge und die Ostsee im Sommer 2022
Hier kommt die Marine ins Spiel. Genauer: die USS Kearsarge (LHD-3), ein amphibisches Angriffsschiff der US Navy, das im Sommer 2022 in der Ostsee kreuzte. Offiziell war sie Teil der NATO-Übung BALTOPS 22, wo man Minenräumen und Unterwasserdrohnen trainierte – exakt in dem Gebiet, in dem später die Nord-Stream-Leitungen explodierten. Zufälle gibt es, die sind so schön, dass man fast an sie glauben möchte.
Die Kearsarge ist kein einfaches Schiff. Sie kann Hubschrauber, Senkrechtstarter, Landungsboote – und ja, auch kleinere U-Boote oder unbemannte Unterwasserfahrzeuge mitführen. Wer also fragt, wie tonnenschweres Sprengmaterial unauffällig an die Pipelines kam, sollte nicht auf Segelyachten vom Typ „Andromeda“ schielen, sondern lieber auf schwimmende Festungen mit Hightech-Arsenal.
Dokumentiert ist, dass die USS Kearsarge am 25. September 2022 Riga verließ und am 30. September durchs Kattegat Richtung Nordsee fuhr. Am 26. September, als die Explosionen stattfanden, war sie offiziell schon auf dem Rückzug. Aber: Wer Sprengladungen oder Unterwasserdrohnen vorher platziert, muss am Tag der Zündung nicht mehr danebenstehen.
Hersh-Bericht: Eine These mit Sprengkraft
Der investigative Altmeister Seymour Hersh veröffentlichte im Februar 2023 seinen Bericht: „How America Took Out the Nord Stream Pipeline.“ Darin die These: US Navy Taucher hätten während BALTOPS 22 Sprengsätze an die Pipelines gebracht, die im September durch ein norwegisches Signal ausgelöst wurden. Ein einzelner anonymer Informant, eine klare Storyline, viel Drama.
Die Kritik kam prompt: Ungereimtheiten im Ablauf, fehlende Belege, politische Einordnung als „russische Desinformation“. Fakt ist: Hersh beschreibt eine US-Operation, die logistisch wie technisch möglich wäre. Aber sie bleibt unbewiesen.
Und hier greift dein Szenario: Man muss Hershs These nicht eins zu eins übernehmen. Plausibler erscheint eine Arbeitsteilung. Die USA stellen Plattform, Technik und logistische Reichweite – also das, was nur ein amphibisches Kriegsschiff wie die Kearsarge leisten kann. Die eigentliche Durchführung überlässt man ukrainischen Spezialkräften, die ohnehin höchstes Interesse an der Sabotage hatten. Das würde auch erklären, warum später das „Andromeda“-Narrativ aufkam: Man suchte nach einer ukrainischen Spur, die nicht allzu direkt in Richtung Washington weist.
Cui bono? Motive zählen mehr als Spuren
Russland als Täter scheidet aus. Warum sollte der Kreml eine Pipeline sprengen, die er jederzeit per Hahnzudrehen nutzlos machen konnte? Nord Stream war ein strategisches Druckmittel, kein Selbstmordprojekt.
Die USA hingegen hatten handfeste Gründe:
- Geopolitisch: Europa dauerhaft von russischem Gas trennen und die eigene LNG-Industrie als Ersatz positionieren.
- Militärisch: Ein Signal, dass auch kritische Infrastruktur Ziel von Operationen sein kann.
- Politisch: Kontrolle über die europäische Energielandschaft, ohne auf deutsche Zögerlichkeit Rücksicht nehmen zu müssen.
Die Ukraine wiederum hatte ihr Motiv: Nord Stream umging ihr eigenes Transitnetz, entzog Kiew Einnahmen und politischen Hebel. Die Sprengung bedeutete: Keine Rückkehr zu alten Lieferwegen, Europa blieb gezwungen, sich von Russland abzukoppeln.
Dark Ships und das Schweigen der Ermittler
Satellitendaten zeigten zwei „dark ships“ – Schiffe, die ihre Transponder deaktivierten – wenige Tage vor den Explosionen in der Nähe der Lecks. Die offizielle deutsche, schwedische und dänische Aufklärung liefert bis heute keine konsistente Geschichte. Man spricht von einer „Andromeda“-Crew, ein paar Tauchern, ein Segelboot, das Sprengstoff transportiert haben soll. Wer so etwas glaubt, glaubt auch, dass man ein Hochhaus mit einer Nagelfeile abreißen kann.
Das Schweigen, die Verzögerung und das Ausweichen der Ermittler sprechen Bände. Ein klares Ergebnis würde Bündnisse belasten. Also lieber keine Klarheit.
Badewannenpolitik – ein Schlusswort
Am Ende bleibt das Bild der Badewanne. Deutschland sitzt drin, das Wasser wird heiß, die Partner ziehen nach Belieben den Stöpsel. Unsere Polit-Eliten in Deutschland, allen voran unser Bundeskanzler Friedrich Merz streiten darüber, wer den besseren Badeschaum liefert, während unterhalb der Wasseroberfläche Sprengladungen detonieren, die nicht nur Pipelines, sondern ganze politische Narrative zerreißen.
Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen Hershs Monolog und den westlichen Dementis. Sie riecht nach Sprengstoff, Diesel und geopolitischem Kalkül. Und sie zeigt: In dieser Welt geht es nicht um Transparenz, sondern um Macht.
Und wenn man die Katze in diesem dunklen Raum sucht? Vielleicht findet man am Ende gar keine Katze. Sondern nur die Ratten, die vom Kabel der Nord-Stream-Pipeline abgenagt haben, während die deutsche Politik seelenruhig daneben saß und über Heizungsumbauten diskutierte.
