„Ossis jammern zu viel!“ – Der Westen hat die Nase voll. Wir Ostler von westlicher Überheblichkeit, Lügnern und Betrügern auch. Vielleicht sollten wir uns endlich scheiden lassen
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Mittwoch 26 Aug 2026 · 5 Minuten
Tags: Ossis, jammern, Westen, Zwangsehe, Statistik, Mauer, Geduldsprobe, Wiedervereinigung, Scheidung, Ostdeutschland, deutsche, Einheit
Tags: Ossis, jammern, Westen, Zwangsehe, Statistik, Mauer, Geduldsprobe, Wiedervereinigung, Scheidung, Ostdeutschland, deutsche, Einheit
Nach 36 Jahren Zwangsehe, Statistik-Mauer und westlicher Geduldsprobe fragt sich der Osten ganz leise: Muss man wirklich zusammenbleiben, nur weil jemand 1990 „Wiedervereinigung“ daraufgeschrieben hat?
Drei Artikel, drei Überschriften, eine Botschaft: „Der Westen hat die Geduld mit dem Osten verloren.“ Bemerkenswert. Bis gestern wussten wir gar nicht, dass wir uns hier in einer laufenden Probezeit befinden. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland droht: „Dem Westen reicht es irgendwann.“ Der Berliner Kurier übersetzt es gnädig für die Langsamen: „Ossis jammern zu viel!“ Und die FAZ stellt fest, viele Westdeutsche hätten „mittlerweile die Nase voll“. Von uns, versteht sich.
Ganz ehrlich: Das berührt uns nicht besonders. Uns geht es mit euch genauso.
Und weil gegenseitige Erschöpfung möglicherweise die ehrlichste Gemeinsamkeit ist, die Ost- und Westdeutsche nach knapp 36 Jahren noch miteinander verbindet, sollte man sich endlich der eigentlichen Frage zuwenden: Was haben wir eigentlich noch gemeinsam? Müssen wir überhaupt etwas gemeinsam haben? Und wäre es nicht vielleicht für alle Beteiligten – für euch, liebe Westdeutsche, vor allem aber für uns – besser, wenn wir künftig wieder getrennte Wege gingen?
Die Mauer ist weg. In der Statistik steht sie noch.
Jeder weiß es. Die ehemalige innerdeutsche Grenze lebt munter weiter: in Wahlergebnissen, Einkommen, Vermögen, Renten, politischen Überzeugungen und beinahe jeder anderen relevanten Zahl. 1990 wurde sie politisch beseitigt und anschließend sorgfältig in jede Statistik eingezeichnet. Wenn diese Gegensätze nach mehr als 35 Jahren immer noch so unüberbrückbar sind, darf man doch wenigstens fragen, ob diese politische Einheit wirklich das Maß aller Dinge sein muss.
Dieses Land ist inzwischen fast genauso lange wiedervereinigt, wie es zuvor geteilt war. Viel länger kann man einem politischen Experiment kaum Zeit geben, bevor man wenigstens einmal nach dem Ergebnis fragt. Und das Ergebnis? Seit Jahrzehnten geht es in gewaltigen Schritten bergab – wirtschaftlich, sozial, politisch, kulturell. Nur über die Ursachen sind sich West und Ost nicht einmal beim gemeinsamen Untergang einig. Selbst beim Sinken des Schiffes streitet man noch über die Laufrichtung der Rettungsboote.
Selbstbestimmung: Die westliche Exportversion mit Regionalsperre.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker existiert laut UNO. Angewandt wird es erstaunlich selten – und fast ausschließlich, wenn es geostrategisch in den Kram passt. Alles östlich der Oder scheint davon ausgenommen. Dort dürfen Völker selbst bestimmen, solange das Ergebnis vorher in Washington, Brüssel oder Berlin feststeht. Nun haben wir Glück: Wir befinden uns noch diesseits der Oder. Dann sollte es möglich sein, hier das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Immerhin sind wir noch im anerkannten Einsatzgebiet westlicher Werte.
Wenn ein Volk darüber befinden können soll, welchem Staat es angehören möchte – ein Prinzip, mit dem man unter anderem den Kosovo rechtfertigt –, warum erscheint dann allein der Gedanke an eine ostdeutsche Abstimmung so abwegig? Vielleicht steht im Kleingedruckten des Selbstbestimmungsrechts eine Deutschlandklausel.
Die Schweiz macht’s vor: vier Sprachen, ein Staat, erstaunlich wenig Sendungsbewusstsein.
In Appenzell, Schwyz und Uri weht die quadratische Flagge, und niemand muss sich groß fühlen. Die moderne Schweiz eint der Wille, eine politische Gemeinschaft zu sein: Föderalismus, direkte Demokratie, Neutralität, Frieden und ein gesunder Abstand zu Großmachtfantasien. Seit 1848 funktioniert dort ein Bundesstaat mit vier Sprachen – obwohl man ihm offenbar vergessen hat mitzuteilen, dass das eigentlich gar nicht gehen dürfte. Das politische Konzept ist Open Source. Warum nutzen wir es nicht?
Die Nation ist kein Naturgesetz. Sie ist eine sehr junge Verwaltungsvereinbarung mit Hymne, Fahne und der festen Überzeugung, schon immer dagewesen zu sein. Noch um 1800 hätte die Mehrheit der Menschen im deutschen Raum einem einen Vogel gezeigt, wenn man ihnen erklärt hätte, sie seien Angehörige einer „deutschen Nation“. Sie waren Preußen, Sachsen, Bayern oder Untertanen irgendeines Fürsten. Die Erde drehte sich trotzdem weiter.
Ein neuer Staat östlich der Elbe müsste nicht die DDR aus dem Museum holen. Er könnte das Brauchbare aus beiden deutschen Staaten behalten und den politischen Sperrmüll entsorgen: soziale Sicherheit, öffentliches Eigentum, bezahlbares Wohnen, flächendeckende Kinderbetreuung und das Recht auf Arbeit – plus Rechtsstaat, Gewaltenteilung und freie Wahlen. Vor allem könnte er neutral, blockfrei und friedlich sein. Keine ausländischen Militärstützpunkte. Keine Atomwaffen. Keine Kriegseinsätze in Ländern, deren Namen die Minister erst auf der Landkarte suchen müssen. Statt „kriegstüchtig“ einfach friedenstüchtig.
Die Schweiz praktiziert Neutralität seit Jahrhunderten, ohne dass morgens die Berge verschwinden. Österreich ist seit 1955 verfassungsrechtlich neutral und wurde nicht aus Europa katapultiert. Offenbar können deutschsprachige Staaten existieren, ohne permanent am Hindukusch, im Baltikum oder im Südchinesischen Meer ihre Sicherheit verteidigen zu müssen.
Das eigentliche Risiko eines souveränen Ostdeutschlands bestünde womöglich gar nicht darin, dass es scheitert. Das viel größere Risiko bestünde darin, dass einiges funktioniert: niedrigere politische Temperaturen, eine Außenpolitik ohne Großmachtpubertät, wirtschaftliche Beziehungen in alle Richtungen und ein Staat, der seine Bürger nicht hauptsächlich als Steuerzahler, Soldatenreserve und Empfänger regierungsamtlicher Belehrungen betrachtet. Dann müsste man nämlich erklären, warum all das in der Bundesrepublik angeblich alternativlos war.
Bertolt Brecht formulierte es 1950 in seiner „Kinderhymne“ so:
„Und nicht über und nicht unter andern Völkern wolln wir sein.“
Ein denkbar bescheidener Anspruch. Für deutsche Verhältnisse offenbar schon wieder revolutionär.
Falls dem Westen tatsächlich „irgendwann reicht“, wie seine Medien inzwischen verkünden, könnten wir ihm ausnahmsweise entgegenkommen.
Man soll Reisende bekanntlich nicht aufhalten.
Nicht einmal, wenn sie in entgegengesetzte Richtungen reisen.
